Vom entspannten Umgang mit Unkraut

Wer selbst einen Garten hat, weiß, dass Unkraut ganz schön lästig werden kann. Über die Jahre haben wir in unserem Garten einen recht entspannten Umgang mit Unkraut entwickelt und drei Wege herausgefunden, wie wir sogar „Unkraut“ nutzen können.

Am Anfang war …

Als wir unseren Garten vor 12 Jahren gepachtet haben, war er noch gar kein Garten, sondern eine Wiese mit einem Apfelbaum.

Am Anfang war unser Garten eine Wiese mit einem Apfelbaum

Wir wollten langsam anfangen und gruben erst einmal die Fläche für ein einzelnes Beet um. Im Frühjahr säte ich in unser neues Beet Zuckerschoten, Radieschen und Spinat und war gespannt, was wohl als erstes keimen würde.

Was als erstes keimte war: Vogelmiere. Mit saftigen grünen Blättchen überzog sie bald das ganze Beet. Ich wunderte mich – in der ganzen Wiese hatte ich nicht ein Pflänzchen Vogelmiere gesehen. Ausgerechnet auf unserem Beet war alles von davon. Hatten wir einen schlechten Platz für das Beet ausgesucht?

Unkraut nutzen - z. B. als Zeigerpflanze
Vogelmiere breitet sich auf dem Beet aus

Unkraut nutzen: Kostenlose Bodenanalyse

Ich begann zu recherchieren und fand heraus, dass Vogelmiere sich gerne auf Brachflächen und offenen Boden ausbreitet, insbesondere wenn er humus- und nährstoffreich ist. Mit anderen Worten: Wer Vogelmiere im Garten hat, hat besten Gartenboden. So hat uns die Vogelmiere als Zeigerpflanze also zu einer kostenlose Bodenanalyse verholfen!

Humus- und nährstoffreich war unser Boden, weil er lange geruht hatte. Die letzte Nutzung als Garten war wohl schon so um die 30 Jahre her. Und für den offenen Boden hatten wir durch Umgraben, Hacken und Rechen gesorgt.

Offensichtlich hatten wir also ein gutes Stück Land gepachtet mit fruchtbarem Boden. Andererseits gab es mir zu denken, dass wir anscheinend durch das Umgraben beste Voraussetzungen für das Unkrautwachstum geschaffen hatten.

Also, was tun? Für uns war von Anfang an klar, dass wir keine chemischen Mittel im Garten einsetzen wollten, weder gegen Insekten, noch gegen Pflanzen. Wir wollten die Unkräuter mit möglichst wenig Aufwand und auf natürliche Art beseitigen. Oder vielleicht gab es ja sogar eine Möglichkeit wie man Unkraut nutzen kann? Um das herauszufinden, beschäftigte ich mich weiter mit den Unkräutern, recherchierte und beobachtete.

Pioniere im Garten

Nicht nur Vogelmiere, sondern auch viele andere Unkräuter sind auf offenen Boden spezialisiert. Sie wachsen bevorzugt auf Baustellen, an Wegen, auf freien Beeten oder Ackerflächen.

Was im Garten schnell lästig wird, hat in der Natur durchaus eine Funktion: Pionierpflanzen, die Spezialisten für offenen Boden, durchziehen den Boden schnell mit ihren Wurzeln und beschatten ihn mit ihren Blättern. Dadurch lockern sie den Boden und schützen ihn vor Austrocknung und Erosion. Sie werden oft auch als Pioniere bezeichnet, weil sie die Voraussetzungen für andere Pflanzen schaffen, indem sie z. B. mit ihren Wurzeln den Boden tiefgründig lockern und so verdichteten Boden wieder fruchtbar machen.

Um diese Funktionen erfüllen zu können, haben die Pionierpflanzen bestimmte Strategien entwickelt. Eine davon ist Schnelligkeit: schnell wachsen, schnell blühen, schnell Samen bilden. Auch die Vogelmiere bildet schnell kleine weiße Blütchen und sät sich weiter aus. So kann sie innerhalb weniger Wochen eine Beetfläche komplett überziehen. Während die Vogelmiere ein weit verzweigtes Netz von Wurzeln aufbaut, bilden andere Pionierpflanzen lange Pfahlwurzeln aus, mit denen sie auch längere Trockenzeiten überstehen und sich fest im Boden verankern.

Unkraut nutzen: Als ungewöhnliche Bodendecker

„Was bedeutet das nun für den Garten?“, fragte ich mich. Vielleicht kann man ja sogar Unkraut nutzen? Dass die Vogelmiere schnell den Boden überzieht, könnte ja eigentlich auch für den Gemüsegarten eine gute Sache sein. So ist der Boden besser vor Austrocknung und Erosion geschützt.

Ich konnte das auch gut beobachten – unter einem Teppich aus Vogelmiere  blieb der Boden länger feucht als auf einem freien Beet. Vielleicht konnte man Vogelmiere also als Bodendecker einsetzen, dachte ich mir. Daher entfernte ich die Vogelmiere nur noch da, wo sie wirklich störte, also z. B. wenn ich ein Beet neu einsäen wollte. War dagegen der Salat schon kräftig genug, ließ ich die Vogelmiere einfach wachsen.

Unkraut nutzen - z. B. als Bodendecker
Hier vertragen sich Vogelmiere und Zuckerhut-Salat wunderbar

Das funktioniert recht gut – der Salat wird nicht gestört, der Boden bleibt feucht, man muss weniger gießen und spart sich Arbeit. Hat man sich erst mal an den etwas ungewöhnlichen Bodendecker gewöhnt, sie das Beet eigentlich auch schön aus.

Unkraut nutzen: Ernten statt ärgern

Viele „Unkräuter“ sind darüber hinaus sogar essbar und siehe da: Auch die Vogelmiere ist essbar. Reich an Vitaminen und Mineralstoffen und gut im Geschmack, kann man auch Vogelmiere sehr gut in Salat streuen oder sogar als Salatgrundlage verwenden.  

Statt sich über den Wildwuchs zu ärgern, kann man ihn oft ganz einfach ernten. So machen wir das z. B. auch mit Taubnesseln, Gänseblümchen, Gänsefuß und einigen anderen Wildkräutern. Und schon entfällt das lästige Unkrautjäten und es wandelt sich zu ernten 😉

Unkraut nutzen - z. B. in Wildkräutersalaten
Gänseblümchen eignen sich gut für einen Wildkräutersalat

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Wenn man Pflanzen wie Vogelmiere also nutzen kann – ob als Bodendecker oder Salatzugabe – sind sie dann wirklich noch Unkraut? Ist Unkraut nicht immer etwas Lästiges, was man loswerden will?

Teilweise liegt es gar nicht an der Pflanze an sich, dass sie als Unkraut angesehen wird. Manchmal taucht sie einfach zur falschen Zeit am falschen Ort auf. Nehmen wir z. B. die Kartoffel – klar eine Nutzpflanze und kein Unkraut, oder? Werden jedoch bei der Ernte nicht alle Kartoffeln eingesammelt, treiben sie nach einem milden Winter im nächsten Jahr aus. Diese übriggebliebenen Kartoffeln bieten Krankheiten und Schädlingen Überwinterungsmöglichkeiten und erschweren die Pflege und Ernte der Folgekultur. Langsam wachsende Pflanzen, wie z. B. Zuckerrüben, werden in der Landwirtschaft gar nicht erst nach Kartoffeln angebaut, weil die sogenannten Durchwuchskartoffeln sie überschatten und verdrängen würden. Daher gilt sogar die Kartoffel, wenn sie in die Folgekultur durchwächst, in der Landwirtschaft als Unkraut!

Unkraut ist Ansichtssache

Die typischerweise als Unkraut bezeichneten Pflanzen haben bestimmte Eigenschaften: Sie wachsen von selbst, ohne gesät zu werden, sie brauchen keine Pflege und sind sehr robust. Das ist von der Natur so eingerichtet.

Unkräuter sind Wildpflanzen. Das heißt, sie haben sich im Laufe der Zeit natürlich entwickelt und an die jeweiligen Bedingungen angepasst. Als Pionierpflanzen nutzen Nischen im Ökosystem, wie z. B. offene Böden, die von anderen Pflanzen schwer zu besiedeln sind. Im Laufe der Evolution haben sie die entsprechenden Strategien wie schnelle Samenreife entwickelt, um sich unter diesen Bedingungen durchzusetzen. Zudem sind Wildkräuter oft schon lange bei uns angesiedelt und bestens an unser Klima angepasst. Die Natur selbst hat sie auf Überleben gezüchtet.

Kulturpflanzen dagegen sind vom Menschen auf bestimmte Eigenschaften gezüchtet: Kartoffeln sollen einen guten Ertrag bringen und lange lagerfähig sein, bei Tomaten ist die Transportfähigkeit wichtig usw. Viele unserer Kulturpflanzen stammen auch ursprünglich aus Südamerika und sind teilweise besser an das dortige Klima angepasst.

Dadurch haben die Unkräuter oft einen gewissen Vorteil gegenüber den Kulturpflanzen und setzen sich leichter durch. Wie wir diese Eigenschaften bewerten, ist eigentlich unsere Entscheidung:

Wir können uns natürlich darüber ärgern, dass das Unkraut im Gemüsebeet „siegt“. Oder wir können uns freuen, dass wir neben unseren Kulturpflanzen auch Wildkräutersalat ernten können – ganz ohne säen, gießen, pflegen 😉

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